Canon EF 100-400L IS im Praxistest
erschienen auf Naturfoto-Digital
Die wohl schwierigste Entscheidung bei der Anschaffung einer Fotoausrüstung ist wohl die Wahl der Objektive. Natürlich gibt es für jeden speziellen Einsatzzweck bestimmte Objektive, aber auch in Bezug auf den Preisrahmen war ich bemüht, möglichst zwei Allround-Objektive zu finden, die meine Belange erfüllen. Im Weitwinkelbereich fiel die Entscheidung auf das EF 17-40L, im Telebereich habe ich lange überlegt, welches Objektiv meinen Bedürfnissen am ehesten gerecht wird:
• EF 75-300 IS
• EF 300/4.0L IS
• EF 70-200L IS
• EF 100-400L IS
• EF 300/2.8L IS (preislich unerreichbar... ;-))
• ...

Ich habe mich letztendlich für das EF 100-400L IS entschieden, da es preislich in Bezug auf die maximale Brennweite sehr attraktiv ist und maximale Flexibiliät bei doch hoher Abbildungsqualität bietet.
Wie schlägt sich das Objektiv im Praxiseinsatz?
Das Canon EF 100-400L IS ist als Schiebezoom konstruiert, dass heißt die Brennweite wird durch Ausziehen bzw. Einschieben des Objektiv-Tubus verändert. Das Objektiv bietet einen drehbaren Ring, mit dem man die Leichtgängigkeit des Zooms einstellen kann, oder die eingestellte Brennweite auch fixieren kann. Meiner Meinung nach ist der Schiebezoom nach kurzer Gewöhnungsphase sehr gut unf flüssig zu bedienen.
Das Objektiv deckt einen sehr weitreichenden Telebereich von 100-400mm ab, der 160-640mm in Bezug auf Kleinbildformat an der EOS 10D entspricht. Damit eröffnet es sehr vielfältige Möglichkeiten, die insbesondere für die Naturfotografie sehr praktisch sind. Die resultierenden 640mm an der 10D erlauben es, auch entferntere Motive formatfüllend abzubilden. Mit der Einstellgrenze von 1,8m ist es zunehmend sehr interessant, da der maximale Abbildungsmaßstab für ein Teleobjektiv ziemlich hoch ist.
Im linken Bereich habe ich einmal ein paar Aufnahmen gemacht, die eine Beurteilung des Brennweitenbereichs erlauben. Als Referenz habe ich den Ausschnitt des EF 100-400L IS bei 100mm in Bezug auf ein 50mm Normalobjektiv aufgezeigt.
Zusätzlich hat man die Möglichkeit, das Objektiv auch mit den Canon-Konvertern 1,4x und sogar 2x zu verwenden, dann zwar nur mit eingeschränktem Autofokus oder manuellem Fokus, aber immerhin erreicht man so 560mm (~896mm) bzw. 800mm (~1280mm) Brennweite. In einer der nächsten Ausgaben des Naturfoto-Digital-Magazins werde ich den praktischen Konvertereinsatz unter Qualitätsaspekten nochmal weiter beleuchten.
Die Besonderheit des Objektives ist jedoch der IS (Image Stabilizer), der Freihandaufnahmen bei 400mm mit bis zu 1/30 ermöglicht. Beim Fokussieren wird dabei im Objektiv mithilfe von Gyrosensoren analysiert, welche Bewegungen stattfinden und ein hinteres Linsenelement so bewegt, dass der Lichtkegel trotz dieser Bewegungen (Verwacklungen) immer derselbe Bildausschnitt auf den "Film" trifft. So läßt sich effektiv problemlos Freihand bei 400mm (~640mm) fotografieren. Der IS hat zwei verschiedene Modi, um auch "Mitzieher" in horizontaler Richtung zu ermöglichen, läßt sich für Stativaufnahmen aber auch komplett abschalten.
Auch die zoomabhängige Lichtstärke von 4.5 bis 5.6 ist für das Objektiv mit dem gebotenen Brennweitenbereich in der Preisklasse ziemlich hoch und erlaubt dank USM (Ultraschall-Motoren) zügigen Autofokus über den gesamten Brennweitenbereich.
Selbstredend ist das Objektiv der L-Serie sehr hochwertig verarbeitet und dementsprechend schwer. 1390g wiegt allein das Objektiv. Zusammen mit der Kamera hat man also schon das eine oder andere Kilogramm in der Hand, aber das Gesamtgewicht läßt doch ein sehr gutes und sicheres Handling zu. Mir persönlich gefällt es auch besser, wenn ich etwas Gewicht in der Hand habe, da ich den Eindruck habe, dass man jenes Gewicht ruhiger halten kann, als wenn die Kamera sehr leicht wäre.

Auschnitt im Vergleich mit 50mm Objektiv (~80mm) bei 100mm

EF 100-400L IS @ 100mm (~160mm)

EF 100-400L IS @ 200mm (~320mm)

EF 100-400L IS @ 400mm (~640mm)
Makroaufnahmen

Man mag es kaum glauben, aber mit dem EF 100-400L IS in Verbindung mit der Canon 500D Nahlinse sind ziemlich gute Makroaufnahmen möglich. Wenn man also nur gelegentlich Makro-Aufnahmen macht, dann ist die Nahlinse eine ernstzunehmende Alternative zu einem zusätzlichen Objektiv. Man spart zusätzliches Gewicht und Platz im Rucksack...
Das EF 100-400L IS hat ein Frontgewinde für 77mm Filter. Die Nahlinse mit entsprechendem Durchmesser ist zwar relativ teuer (ca. 160-170€), aber deutlich günstiger als ein echtes Makroobjektiv. Im Gegensatz zu den "echten" Makro-Objektiven profitiert man hier auch vom IS (Image Stabilizer), um Makro-Aufnahmen auch aus größerer Distanz Freihand machen zu können.

Im Gegensatz zum Einsatz von Zwischenringen "verliert" man auch kein Licht und behält so die Autofokus-Funktionalität, obwohl man im Makro-Bereich ja normalerweise sowieso auf Stativ fotografiert und oftmals per manuellem Fokus. Aber für Freihand-Makroaufnahmen ist der AF in bestimmten Situationen sehr nützlich.
Für das Handling im Makrobereich gilt natürlich analog das, was man auch generell beachten sollte:
Wichtig ist es, wie auch bei einem echten Makro-Objektiv, dass man versucht, das Hauptmotiv zu parallelisieren, d. h. das Motiv auf eine zu dem Sensor bzw. Film parallele Ebene zu bringen, um den geringen nutzbaren Schärfebereich optimal für das Motiv ausnutzen zu können.
Die Bläulingsaufnahme ist eine meiner ersten Aufnahmen mit der Nahlinse und war relativ schnell umgesetzt, da der Bläuling sich dankbarerweise auf der Pflanze eine Zeit niederließ und ruhig dort ausharrte.
Bei der Spinnenaufnahme war es sehr schwierig, brauchbare Aufnahmen zu erlangen. Das Licht war nicht gut, da es ein etwas wolkiger Tag war und die Spinnen immer in zittrigen Bewegungen, da das Männchen das Weibchen auf sich aufmerksam machen wollte. So gelangen nur ungefähr 10% der Aufnahmen wirklich scharf und unverwackelt...
Bei der Dickkopffalter-Aufnahme läßt sich sehr gut erkennen, wie gering die Schärfentiefe doch ist, wenn man die Nahlinse einsetzt. Man ist also gezwungen, soweit wie möglich abzublenden, um einen guten Kompromiss zu finden, dass das Licht für eine annehmbare Verschlußzeit reicht.

Einzige Einschränkung ist der sehr begrenzte Arbeitsbereich der Kombination, da der fokussierbare Bereich doch sehr reduziert wird, aber mit etwas Gewöhung kommt man damit sehr gut zurecht.
Wie ich im oben schon schrieb, ist es sehr interessant, die minimale Fokusdistanz von 1,8m bei 400mm zu nutzen, um kleine Vögel oder große Insekten in relativ großem Abbildungsmaßstab abzulichten. Bei Offenblende wird das Motiv schön vom Hintergrund freigestellt und die Abbildungsqualität des Objektives ist sehr gut in diesem Bereich.

Zum Beispiel diese Aufnahme des Laubsängers ist mitten im Wald entstanden. Ich verharrte ein wenig auf einer klitzekleinen Lichtung und dieser Laubsänger kam neugierig immer näher an mich heran und erlaubte mir einige tolle, sehr detailreiche Aufnahmen. Einziges Manko: zwischenzeitlich war er auch noch näher als 1,8m dran, also näher, als das Objektiv fokussiert. ;-)
Der Autofokus konnte aber schnell und souverän arbeiten, um mir trotzdem diese Aufnahmen bei relativ wenig Licht zu ermöglichen. Man sollte jedoch darauf achten, dass der Autofokus (wenn möglich) immer auf sehr nahe Objekte fokussiert, denn, falls der AF erst einmal in die Ferne sucht, dann dauert es trotz USM oftmals zu lange, wieder in den Nahbereich mit dem AF zu kommen.

Aus diesem Grunde sollte man sich daran gewöhnen, auch teilweise manuell zu fokussieren, um den Fokus schneller in den Nahbereich zuück zu bringen.
Ein wenig Abblenden um 1-2 Blendenstufen bringt zudem etwas mehr Schärfebereich, wie bei der letzten Aufnahme des Artikels. Die Gebirgsstelze befindet sich genau im scharfen Bereich, und der Hintergrund wird schön aufgelöst, aber verschwindet nicht komplett, so dass man gut noch etwas vom Umfeld erkennen kann.
Soweit der Praxisbericht als Überblick über die Möglichkeiten, die das EF 100-400L IS bietet.